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Wissenschaftliche Grundlagen der Feldenkrais Arbeit


Moshé Feldenkrais hat keine eigene Theorie zu seiner Arbeit entwickelt. Er hat die Entdeckungen seiner zahlreichen Lehrer vielmehr anwenden wollen.

Allerdings betrachtete er deren Wissen zumeist von einer anderen und völlig neuen Seite. Um es für die Anwendung in der Praxis zu erschliessen, forschte er auf seine Art. Er ging hierbei «sorgfältig und methodisch» (Ginsburg 1995:13) vor.

In seiner wissenschaftlichen Arbeit und in deren Nutzanwendung war Feldenkrais seiner Zeit weit voraus. So betrachtete er die Art und Weise, «wie wir handeln und uns bewegen und wie wir uns allgemein leiten, lenken und regieren» (Feldenkrais 1987:184) nicht durch «unseren gewohnheitsmässigen Raster des Kausalschemas» (ebd.: 180). Er fragte nicht: Was geschieht und warum, sondern wie geschieht es und wozu?

Sein Interesse galt dem Handlungsablauf.

Körperhaltung verstand er deshalb als auf Verhalten bezogenen (dynamischen) Prozess, nicht als einen (statischen) Zustand.

Die Frage nach dem Wie bringt den Beobachter mit ins Spiel

Feldenkrais hat die Veränderung wissenschaftlicher Grundannahmen in der Physik (Paradigmenwechsel) in seine Lernmethode einbezogen:

Als Beobachter ihrer selbst trägt die Person in der Art und Weise, wie sie wahrnimmt, zur Veränderung dessen bei, was sie beobachtet. Er dachte und experimentierte also bereits in Kategorien der Systemtheorie und der Kybernetik.

Vor allem aber hat Feldenkrais die Bedeutung der Schwerkraft für Verhalten und für die Gestaltung von Lernprozessen untersucht.

Feldenkrais kombinierte sein Wissen und seine Praxis der fernöstlichen Kampfkünste (Judo, Jiu-Jitsu) mit Kenntnissen aus der Physik, der Mechanik und Elektrotechnik, der Anatomie und der Verhaltensphysiologie.

Er liess sich beeindrucken von der Philosophie der Selbstverbesserung von Emil Coué und George I. Gurdieffs Philosophie zur Selbstbewusstheit von Körper und Geist als lebenslangem Lernprozess.

In seine Forschungen bezog er Theorien der Neurophysiologie ein, insbesondere die des russischen Forschers Alexander Luria, Charles Darwins Evolutionstheorie, die Verhaltensforschung von Konrad Lorenz und Jean Piagets Entwicklungspsychologie. Er kannte die Forschungsergebnisse der Biomechanik und der Bewegungs- Wissenschaften (etwa Arbeiten von Nicolai Bernstein).

Die Welt als Folge von Erfahrung

Ausführlich befasste sich Feldenkrais mit (seinem Denken verwandten) Ansätzen von F. Mathias Alexander (Alexander-Technik) und von Elsa Gindler und Heinrich Jacoby (später von Charlotte Selver weiterentwickelt zu sensory awareness).

Er griff Gedanken der Systemtheorie (Gregory Bateson) und der Kybernetik (Heinz von Foerster) und die Metapher des Gehirns als eines Hologramms (Karl H. Pribram) auf, weil sie seinen eigenen Forschungsergebnissen entsprachen. Und er liess sich beeindrucken von der Gestalttherapie Fritz Perls und systemischen Ansätzen in der Psychotherapie, insbesondere der Hypnotherapie von Milton Erickson.

In vielen dieser Arbeiten wird das Denken in eher mechanischen und kausalen Begriffen von Reiz- Reaktions- Schemata allmählich abgelöst durch Theorien, die statt dessen von wechselseitig sich beeinflussendem, zirkulärem System- Umwelt-Geschehen ausgehen wie z.B. Umwelt - Sinnesempfindung - Nervensystem - motorische Tätigkeit - Umwelt (Feldenkrais 1987:189).

Bei der Weiterentwicklung dieser Konzepte - insbesondere in den Kognitionswissenschaften und der Neurobiologie - ist die Idee einer Abbildung der äusseren Welt im Inneren des Gehirns (Die Welt als Ursache von Erfahrung) inzwischen aufgegeben worden.

Gearbeitet wird jetzt mit Modellen der Formung der Welt über absichtsvolle Aktion der Systemeinheit Mensch (Die Welt als Folge von Erfahrung), zum Beispiel in den Arbeiten von Humberto Maturana und Francisco J. Varela.

Damit bestätigen sich manche von Moshé Feldenkrais Annahmen über die Funktionsweise des Nervensystems aus den 40er Jahren, z.B. über die Selbst- Organisation des Gehirns oder die Vorgehensweise, die absichtsvoll handelnde Person zum Ausgangspunkt bei der Erforschung von Verhalten zu machen: «the first person account» wie Varela (1996:14f) diesen methodischen Zugang nennt.

Manche der Ergebnisse der Feldenkrais - Methode können mit den Modellen der Neurowissenschaften, der Kognitions- und Bewegungswissenschaften (vgl. dazu auch die Arbeiten von Edward Reed 1982 und insbesondere die von Esther Thelen und Linda Smith, 1994) zur Zeit noch nicht ausreichend erklärt werden.

Das Abstraktionsniveau der Modelle ist zudem ausserordentlich hoch, ihre Anwendbarkeit jenseits des Labors damit erschwert. Um so mehr nimmt das Interesse an Ergebnissen phänomenologischer Forschung und Praxis zu, wie sie die Feldenkrais - Methode seit 50 Jahren vorlegen kann (Varela 1996:15).